Alkohol (auch gelegentlich in kleinen Mengen konsumiert) kann folgende Auswirkungen haben:

  • Tod von Gehirnzellen
    das bedeutet, dass das Kind mit weniger Nervenzellen und kleinerem Gehirn auf die Welt kommt. Das hat einen direkten Einfluss auf die Entwicklung und das zukünftige „Funktionieren“  des Kindes.
  •  Zellmigration in die falschen Bereiche
    das bedeutet, dass im Entstehungsprozess Nervenzellen (Neuronen) nicht in jene Bereiche gelangen, in denen sie ihre Arbeit aufnehmen sollten. Sie befinden sich woanders. Im Endeffekt hat das Kind im Kopf ein „Durcheinander“. So ein „neurologisches Chaos“  verursacht ernste Probleme beim Merken und Verarbeiten von Informationen, dem Erfassen und dem Denken.
  • Entstehung von falschen Verbindungen zwischen Neuronen
    das bedeutet, dass  die  Weltwahrnehmung des Kindes stark beeinflusst wird.
    Viele Kinder die unter FASD leiden, haben zB. eine erhöhte Schmerzschwelle – ein Schmerzreiz muss daher wirklich stark sein, damit das Kind ihn fühlen kann. Die Eltern von Kindern mit FASD kennen aus eigener Erfahrung Situationen, in denen das Kind sich verletzte ohne es zu bemerken. Nur eine ernste Verletzung oder ein Bluterguss weisen auf eine Verwundung hin.

Die der Wirkung von Alkohol am meisten ausgesetzten Gehirnbereiche sind:

  • Corpus callosum (Balken) – überbringt Informationen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte. Die linke Gehirnhälfte ist verantwortlich für die Regeln, Konsequenzen, Präzisierung und Ordnung von Gedanken. Die rechte Gehirnhälfte hingegen für das abstrakte Denken, Emotionen und Fühlen, erfinderisches Denken und Intuition.
    Das Corpus callosum hilft beiden Gehirnhälften bei der Zusammenarbeit beim täglichen Treffen von Entscheidungen. Bei manchen Kindern mit ausgeprägtem FAS stellte man eine Unterentwicklung oder das gänzliche Fehlen des Corpus callosum fest. Solche Personen haben Schwierigkeiten mit der Unterscheidung zwischen Links und Rechts und mit alternierenden Bewegungen. Sie können nicht marschieren, tanzen, sie sind ungelenk. Ist die Verbindung zwischen den Gehirnhälften mangelhaft, ist der Informationsfluss langsam und zum Teil erfolglos. Das erklärt zum Teil warum eine Person mit FAS/FASD, wenn sie einen plötzlichen Impuls spürt, zuerst handelt und erst danach die Konsequenzen wahrnimmt. Personen mit FAS/FASD kennen die Regeln und Konsequenzen von Handeln, sind aber nicht in der Lage zu denken, bevor sie etwas tun.
  • das Kleinhirn – ist verantwortlich für die Bewegungskoordination, die motorische Funktionen bzw. flinke Bewegungen und das Gleichgewicht. Kinder mit
    Kleinhirnschäden haben Schwierigkeiten z.B. mit dem Treppensteigen, auf einem Bein hüpfen oder mit dem Gleichgewicht.
  • die Basalganglien – sie sind für die Erinnerung und kognitive Fähigkeiten verantwortlich.
  • der Hippocampus – spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei den Lern- und Erinnerungsprozessen.
  • der Frontallappen – ist verantwortlich für die Ausführungsfunktionen und für die Kontrolle von Impulsen.

Mit der Beschädigung des Frontallappens ist die Abschwächung folgender Fähigkeiten und Funktionen verbunden:

  • Sozialverhalten – Probleme mit dem Zurechtkommen in verschiedenen Situationen;
  • Sexualverhalten – Schwierigkeiten mit der Kontrolle von sexuellen Impulsen;
  • Lösung von Problemen – Unfähigkeit zur spontanen Problemlösung;
  • Probleme mit der Ordnung von Informationen, sowohl Informationen die von Außen als auch solche die aus dem eigenen Organismus kommen
  • Gedächtnis – Probleme mit der Erfassung und/oder Verarbeitung von Informationen;
  • Planung – Schwierigkeiten mit dem Schlussfolgern aus vergangenen Situationen;
  • Zeitgefühl – Schwierigkeiten mit dem Verstehen von Abstraktionen (zB. der Zeit);
  • Motorische Funktionen – gestört;
  • Wortregulierungen – der Zwang laut zu sprechen, die Notwendigkeit einer Rückmeldung;
  • Emotionsschwankungen – übertriebenes Schwanken der Laune;
  • Selbstkontrolle, Motivation – braucht häufige Tipps und Aufsicht, muss von anderen motiviert werden.

Die genannten Probleme können bei einem Kind mit FAS oder FASD in verschiedener Stärke und Form vorkommen. Einige mögen bei einem Kind auftreten, bei einem anderem wieder nicht.

Sogar die beste Pflege nach der Geburt hat keinen Einfluss auf das Vorhandensein dieser ursprünglichen, angeborenen Symptome.

Die sekundären Symptome tauchen im Laufe des Lebens auf. Dazu gehören:

  • Furcht, Wut,
  • sozialer Rückzug
  • Lügen, von zu Hause Weglaufen
  • Leichte Beeinflussbarkeit
  • Neigung zu Abhängigkeitsverhältnissen
  • Psychische Erkrankungen, Depressionen, Panikattacken, Selbstverletzung, Tendenz zu Suizid
  • aggressives und schockierendes Verhalten
  • Impulsivität
  • Abbruch der Ausbildung
  • Arbeitslosigkeit
  • Probleme mit dem Gesetz
  • Suchtgefahr

Großen Einfluss auf das Auftreten der sekundären Symptome haben die Gesellschaft und das unmittelbare Umfeld der Betroffenen.

Der richtige Umgang mit den Betroffenen kann das Auftreten sekundärer Symptome weitgehend verhindern!

Wesentliche Schutzfaktoren für Kinder mit FASD, um sie vor der Entwicklung sekundärer Störungen zu bewahren, sind1 :

o Diagnosestellung vor dem 6. Lebensjahr;
o Leben in einem stabilen Umfeld (über 70% der Lebenszeit);
o Leben an ein und demselben Lebensort für mindestens 2,8 Jahre;
o eine gute häusliche Lebensqualität insbesondere zwischen dem 8.bis 12. Lebensjahr;
o therapeutische Hilfe und weitere Unterstützungen;
o eine Diagnose FAS besser als FAE (weil FAS Diagnose früher gestellt wird);
o die notwendige Fürsorge (basic needs) in mindestens 13% der Lebenszeit;
o keine eigene Gewalterfahrung in der frühen Kindheit.

Studien haben ergeben, dass Personen, bei denen FASD in der frühen Kindheit diagnostiziert wurde, weniger sekundäre Störungen entwickelt haben. Sie konnten zB ihre Arbeit erhalten und entsprechend ihrer Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

1 Die hier angegebenen Daten stammen aus einer 1996 in den USA durchgeführten Langzeitstudie: Streissguth AP, Barr HM, Kogan J, Bookstein FL: Understanding the occurrence of secondary disabilities in clients with fetal alcohol syndrome (FAS) and fetal alcohol effects (FAE). Final Report to the Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Seattle: University of Washington, Fetal Alcohol and Drug Unit; 1996